Die Evangelien

Verweilen wir für einen kurzen Augenblick bei den Evangelien. Sie sind ebenfalls uneinheitlich und ihre wahre Herkunft ist unklar. Es gab in den einzelnen jüdischen Glaubensrichtungen wohl so um die 80 verschiedene Evangelien, von denen lediglich vier in der Bibel berücksichtigt wurden. Wer die Auswahl getroffen hat, wie uns warum ausgerechnet die vier bekannten Evangelien Eingang in die Bibel finden, ist bis heute unklar.

Das Matthäus-Evangelium steht an erster Stelle im Neuen Testament, ist aber nach Auffassung vieler Bibelforscher nicht das älteste. Auch stammt es nach moderner Auffassung nicht vom Apostel Matthäus, sondern von einem wahrscheinlich jüdischen Autoren, der der altgriechischen Sprache mächtig war und den Text etwa zwischen 75 und 85 n. Chr. abgefasst hat. Wer er wirklich war, lässt sich heut nicht mehr nachweisen, ebenso wenig, woher er die Informationen hatte, die er im Evangelium verarbeitet hat. Der Einfachheit halber hat man den Namen für das Evangelium beibehalten, das als eine überarbeitete und erweiterte Version des Markus-Evangelium ist. Zu etwa 90% ist der Inhalt gleich, Matthäus fügte lediglich einen neuen Anfang und ein neues Ende hinzu und schrieb einige Passagen neu. Möglich auch, dass er Texte eines Urevangeliums übernahm, das bis heute verschollen ist. So könnte der Stern von Bethlehem, der sich im Markus-Evangelium ebenfalls nicht finden lässt, von Matthäus aus Legitimationsgründen eingefügt worden sein, oder auf wesentlich älteren Texten basieren.

An zweiter Stelle der Evangelien steht das des Markus, obwohl es wahrscheinlich sehr viel älter als das Matthäus-Evangelium ist. Wer der eigentliche Verfasser des Textes war, ist auch hier nicht sicher. In der Bibel sind mehrere Personen mit diesem Namen erwähnt, ob da aber auch der Autor zu finden ist, kann nicht belegt werden. Möglicherweise stand er mit dem Apostel Petrus in Verbindung, vielleicht ist er mit dem Markus Johannes der Apostelgeschichte identisch, oder er ist der Begründer der christlichen Kirche in Alexandria, der später dort ermordet und zum Märtyrer wurde. Man weiß es nicht. Dieses Evangelium ist das kürzeste von allen und beschreibt weniger das Leben Jesu, sondern vielmehr die Wirkung seines Handelns, die Wunder und seine prophetischen Weissagungen. Es wird angenommen, dass Markus neben mündlichen Überlieferungen vor allem schriftliche Zeugnisse bei der Abfassung seines Evangeliums herangezogen hat.

Das dritte Evangelium ist das des Lukas. Es gilt heute als das genaueste und ist etwa um 80 n. Chr. entstanden. Der Autor war vermutlich Arzt und Heidenchrist, wurde wahrscheinlich in Antiocha geboren und starb möglicher Weise irgendwo in Griechenland. Neben dem dritten Evangelium hat er auch die Apostelgeschichte geschrieben und widmet sich in seiner Schrift vornehmlich, wie schon Matthäus, aber mit einigen deutlichen Abweichungen auch den Stern von Bethlehem betreffend, Leben und Wirken Jesu, geht darüber hinaus aber in weiten Teilen auf Paulus und Johannes den Täufer ein, über die sonst kaum berichtet wird. Wenn Lukas Paulus auf einigen seiner Reisen begleitete und mit dem Lukas identisch ist, den Paulus, im römischen Kerker sitzend, als seinen letzten Getreuen bezeichnete, dann ist davon auszugehen, dass wesentliche Teile dieses Evangeliums tatsächliche Ereignisse wiedergeben, zumindest, was die Begebenheiten mit Paulus angeht. Das ist jedoch unter Bibelforschern nicht unumstritten. Dennoch hat er den Ruf, stilistisch sehr gewandt und auch sehr genau in seinen Aufzeichnungen gewesen zu sein.

Schlussendlich gibt es noch an vierter Stelle das Evangelium des Johannes. Der Autor, der auch die Johannesbriefe, aber sicher nicht die Johannesoffenbarung verfasste, lebte, arbeitete und starb im griechischen Ephesus. Sein Evangelium weist Ähnlichkeiten, aber auch Unterschiede zu den anderen drei Evangelien auf. Er geht nicht auf Jesu Geburt (und somit den Stern von Bethlehem) und erste Lebensjahre, sondern mehr auf die Verurteilung, den Tod und die Wiederauferstehung ein und stellt dessen Wirken in Zusammenhang mit einem großen göttlichen Plan zur Christianisierung der Welt. Wann das Evangelium des Johannes und die Briefe geschrieben wurden, ist unklar, möglicher Weise um 100 n. Chr., es ist das jüngste im Kanon der Evangelien.

Was lehrt uns dieser Exkurs in die Ursprünge der Evangelien? Es gibt keinen gemeinsamen Ursprung für die in der Bibel zusammengefassten Texte, weder im Alten, noch im Neuen Testament. Schlimmer noch: Sie können auf keinen Fall als Originalberichte verstanden werden, da die ihnen zugrunde liegenden Schriften vielfach verschollen oder nur fragmentarisch vorhanden und mündliche Erzählungen mit einem großen Unsicherheitsfaktor behaftet sind, die sich durch Übersetzungen in andere Sprachen noch verstärkt haben werden. Außerdem gab es damals wie heute kein einheitliches Judentum, sondern mehr oder weniger große Gruppierungen, deren Religionsauffassungen deutliche Unterschiede aufwiesen. Wenn man zugrunde liegt, dass die Autoren der Evangelien Einblick in diese verschiedenen urevangelischen Schriften hatten, waren sie es auch, die entschieden, was bei der Abfassung der neuen Glaubentexte berücksichtigt wird und was nicht. So gesehen, wird die ganze Geschichte um den Stern von Bethlehem immer obskurer.

Wie kritische Bibelwissenschaftler anmerken, dienten vor allem die Evangelien als Grundlage für den christlichen Glauben, für Missionierungen und sollten neue Christen für den Glauben gewinnen. Demnach hätte keiner der Autoren der Evangelien ein wirkliches Interesse an einer Tatsachen getreuen schriftlichen Fixierung der Ereignisse gehabt.

Zu bedenken ist auch, dass mit der Verbreitung alt- und neutestamentarischer Schriften im Zuge christlicher Missionierungen im Römischen Imperium die Texte abgeschrieben und dabei verändert wurden, um sie für die Verkündung vor Ort anzupassen. Erst im Jahr 367 n. Chr. entstand durch einen Osterbrief die heute bekannte Form und Zusammensetzung des Neuen Testaments. Davor waren sehr viele verschiedene Versionen gebräuchlich, die Texte hatten teilweise eine andere Anordnung und waren auch selbst unterschiedlich.

Somit wäre also die Heilige Schrift als Grundlage für die Erklärung, was es mit dem Stern von Bethehem auf sich hat, vollkommen ungeeignet, was zu einer äußerst paradoxen Situation führt. Denn ausgerechnet die Quelle, in der das Ereignis bis heute überliefert wird, scheint als Quellenmaterial vollkommen ungeeignet zu sein.


Das Matthäus-Zitat
Die Bibel als Quellenmaterial
Auslegung des Quellenmaterials
Probleme mit der Deutung
Was war denn nun der Stern von Bethlehem?
Feiern wir das „richtige“ Weihnachten?
Literatur


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