Anfänge der deutschen Raketenforschung

Die eigentliche Geschichte von Peenemünde beginnt in dem idyllisch gelegenen und eigentlich recht unscheinbaren 2500 Seelen-Dorf Bernstadt in der Oberlausitz, wo die Großmutter Klaus Riedels, eines der, eher vergessenen, Pioniere der deutschen Raketengeschichte lebte.

Riedel, am 2. August 1907 in Wilhelmshaven geboren, stieß 1929 während eines Vortrages von Dipl.-Ing. Rudolf Nebel über die technischen Hintergründe bei der Produktion des UfA-Films "Frau im Mond" zur Gruppe der "Raketenleute" und wurde später Mitglied des "Vereins für Raumschiffahrt" (VfR).

Während der Premiere des Films am 15. Oktober 1929 sollte eine echte Rakete, sozusagen als PR-Gag, gestartet werden, ausgestattet mit einem 16-Liter-Tank voll flüssigem Sauerstoffs, die allerdings nie fertig wurde, da man die technischen Probleme nicht in den Griff bekam. Dennoch gelang es, durch Vermittlung Albert Einsteins beim Heereswaffenamt, Finanzmittel zur Fortführung der Experimente zu bekommen, außerdem konnten fortan die Einrichtungen der "Chemisch-technischen Reichsanstalt" in Berlin genutzt werden.

Klaus Riedel und Rudolf Nebel, die wegen ihrer nie enden wollenden Begeisterung für die Raumschiffahrt gute und enge Freunde wurden, erkannten alsbald, daß die "UfA-Rakete" mit der speziellen Oberthschen Kegeldüse nicht flugfähig war und konstruierten eine verkleinerte Variante, die MIRAK-1 (Minimum-Rakete), deren Tank nur 1 Liter flüssigen Sauerstoff faßte und daher besser zu handhaben war.

Was noch fehlte, war ein geeigneter Startplatz und den fand man in Bernstadt auf Vermittlung Klaus Riedels, dessen Großmutter seine Leidenschaft teilte. Insgesamt 140 Brennversuche auf den noch recht primitiven Prüfständen verzeichnen die Annalen; und zu den Raketenpionieren, die sich auf den weiten Weg in die Oberlausitz machten gehörte neben Riedel und Nebel der junge Student Wernher von Braun.

Am 27. September 1930 wurde den Raketenpionieren in der unmittelbaren Nähe zur Chemisch-technischen Reichsanstalt ein Versuchsgelände in Reinickendorf am Tegeler Weg, nahe dem Bahnhof Jungfernheide, überlassen, das früher einmal dem preussischen Kriegsministerium als Munitionsdepot gedient hatte und nun dem Reichswehrministerium gehörte, von dem es aber nicht mehr genutzt wurde. Überglücklich, endlich ein halbwegs geeignetes Testgelände gefunden zu haben, zog man hier, im "Raketenflugplatz Berlin", ein. Dieser lag räumlich in Reinickendorf, die Post aber wurde kurioserweise über Tegel abgewickelt, so daß Rudolf Nebel sein berühmtes Buch denn auch "Die Narren von Tegel" nannte.

Die Arbeiten gingen, wenn auch unter geradezu erbärmlichen Bedingungen, weiter. Inzwischen war aus der MIRAK 1 die MIRAK 2 entwickelt worden, deren erster Startversuch am 10. Mai 1931 erfolgte. Nach weiteren, erfolgreichen Starts wurde im August 1931 die MIRAK 3 auf eine Gipfelhöhe von 1000m befördert. Allerdings lief das alles nicht ohne technische und organisatorische Probleme ab, denn mehrfach standen die Raketenforscher fast schon vor dem Aus, etwa, als eine MIRAK 3 auf einer 1 km entfernten Polizeikaserne niederging und beträchtlichen Schaden anrichtete.

Ein paar Monate später, im Juni 1932, forderte das Heereswaffenamt die Raketentechniker zu einer praktischen Vorführung auf dem Artillerieschießplatz in Kummersdorf auf, einem kleinen Ort südwestlich von Berlin. Der Start der MIRAK 3 war zwar erfolgreich, doch die verlangte Gipfelhöhe von 3000m wurde nicht erreicht, die Rakete kam nur auf 1100 bis 1200m. Die Militärs werteten das als völligen Fehlschlag und stellten die bereits zugesagt 1360 Reichsmark (RM) deshalb auch nicht zur Verfügung.

Entscheidend war aber etwas anderes. Bei diesem Test war auch Wernher von Braun, bis dahin eigentlich kaum innerhalb der Raketengruppe in Erscheinung getreten war, anwesend. Er war von den Möglichkeiten vor Ort so begeistert, daß er sich fast spontan entschloß, den bisherigen Freunden den Rücken zu kehren und mit Wirkung vom 1. Oktober 1932 in die Dienste des Heereswaffenamtes zu treten. Dieses stellte zunächst 5.000 RM für weitere Versuche zu Verfügung. Darüber hinaus konnten für Gerätetests weiterhin die Einrichtungen der Chemisch-technischen Reichsanstalt in Berlin genutzt werden.

Kommandant des Testgeländes wurde Hauptmann (später General) Walter Dornberger, dem wir in Peenemünde als Chef der Heeresversuchanstalt wieder begegnen und der in den USA als Vizepräsident der Bell Aerosystems Company (sie konstruierte und baute die Bell X-1, mit der US-Major Charles Yeager am 14. Oktober 1947 bei einem Testflug erstmals die Schallmauer durchbrach) tätig war.

Als einzige Mitarbeiter aus Tegel wurden Klaus Riedel und der 1. Weltkriegs-Pilot Kurt Heinisch vom Heereswaffenamt übernommen, das mehrere Mio. RM in Aussicht stellte, um weitere Versuche mit der Flüssigkeitsrakete MIRAK 3 durchführen zu können. In dieser Zeit stoßen insgesamt 77 weitere Interessierte, wie Arthur Rudolph und Walter Riedel zum erlauchten Kreis der Raketenpioniere.

Großen Auftrieb bekamen die Kummersdorfer Arbeiten mit der Entwicklung des ersten Raketenofens, nach theoretischen Vorarbeiten Wernher von Brauns, der dessen Prinzip in seiner Promotionsschrift ("Thermodynamik des Strahlantriebes") erläutert hatte. Der erste Brennversuch des neuen Motors scheiterte am 21. Dezember 1932 mit der Explosion des Triebwerks, bei dem gleichzeitig auch der Prüfstand vernichtet wurde. Nur wenige Wochen nach diesem Rückschlag wurde dann erfolgreich der neue Raketenmotor auf dem Kummersdorfer Versuchsgelände gezündet: Es wurde ein voller Erfolg und dieser Erfolg legte zugleich den Grundstein für weitere Versuche in weitaus größerem Rahmen.

Kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 wurde per Führerbefehl entschieden, daß die deutsche Raketenentwicklung ausschließlich in der Hand des Heeres zu liegen habe. Der Grund hierfür war denkbar einfach: Aufgrund des Versailler Vertrages war es dem Deutschen Reich untersagt, Artilleriewaffen herzustellen, Raketen galten aber damals nicht unbedingt als Waffe und so konnte man ungeniert aufrüsten, ohne daß die Siegermächte des 1. Weltkrieges in der Lage waren, etwas dagegen zu unternehmen. Daß die Raketenentwicklung aber aufgrund verschiedener Umstände für den Ausgang des 2. Weltkrieges letztlich unbedeutend blieb, obwohl das Ergebnis viele Tote forderte und beträchtliche Schäden anrichtete, steht freilich auf einem ganz anderen Blatt.

Das Heereswaffenamt besaß mit dem Übertritt von Brauns nun auch das Wissen und die Erfahrungen der "Tegeler", war aber dennoch in seinen Bemühungen nicht sonderlich erfolgreich. Die in Reinickendorf verbliebenen Raketenforscher konnten ihre Arbeit, unter immer schlechter werdenden Bedingungen, noch bis zum Juni 1934 fortsetzen, bis alle Einrichtungen, das Material und die vorhandenen Flugkörper beschlagnahmt und der Startplatz für immer geschlossen wurde.

Damit mußte allen Beteiligten allerdings auch klar geworden sein, daß man es fortan nicht mehr mit friedlicher Raketenforschung zu tun hatte, denn das Ziel der Unternehmungen war eine fernflugtaugliche Waffe, wie Walter Dornberger später in seinem Memoiren auch bestätigte und betonte.

Mitte 1933 startete das "Aggregat 1", 140cm lang und 30cm dick, mit einem Schub von 300 kg. Aufgrund einiger Probleme in der Handhabung des Flugkörpers wurde das Nachfolgeprojekt "A 2" vorgezogen und erstmalig 1934 auf der Nordseeinsel Borkum gestestet, wobei eine Flughöhe von immerhin 2200 m errreicht wurde. Dieser Erfolg mündete dann in der "A 32", einem 7,5m langen und 75 cm durchmessenden Flugkörper, der die beachtliche Schubkraft von 1500 kg erreichte.

Mit der Entwicklung immer größerer Raketen wurde allerdings deutlich, daß der Versuchsplatz in Kummersdorf-West kaum mehr für Steigerungen geeignet war. Zudem ergab sich das Problem, daß bei Fehlstarts Menschenleben gefährdet werden könnten, etwa, wenn ein Flugkörper über der nahe gelegenen Reichshauptstadt niederging. Gleichzeitig konnte vor Ort die Geheimhaltung nicht mehr ausreichend gewährleistet werden, so daß man mittelfristig über einen Umzug nachdenken mußte.

Wernher von Braun und seine Rolle in Peenemünde
Die Heeresversuchsanstalt Peenemünde
Raketenforschung in Peenemünde
Literatur über Peenemünde
Peenemünde - Einleitung

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