Das Polarlicht vom 15./16. Juli 2000

Nachdem ich die Polarlichtnacht vom 6. auf den 7. April 2000 regelrecht verschlafen hatte, hoffte ich, bei der nächsten Gelegenheit dabei sein zu können. Für die Nacht vom 15. auf den 16. Juli 2000 konnte man einiges erwarten, zumal alle Indikatoren auf eine höhere Polarlichtaktivität hinwiesen und es aus den USA eine Polarlichtwarnung gegeben hatte. Am 14. Juli war um 10:24 Uhr UTC in der Region 9077 ein extrem Energie reicher X-Flare aufgestiegen, hatte einen Massenauswurf (CME = coronal mass ejection) produziert und schleuderte seine Teilchen in Richtung Erde. Hier gingen alle Warnlampen an, inzwischen war der Röntgensatellit XMM Newton voll getroffen worden und ausgefallen und auch SOHO zeigte massive Störungen in Form streifiger Bilder. Die neunstufige Warn–Skala zeigte derweil mit einem kp-Wert von 9 den höchsten Ausschlag: Extrem hohe Wahrscheinlichkeit also für die Sichtung von Polarlichtern!

Dabei sah es zunächst an diesem Tage gar nicht so aus, als ob man überhaupt etwas sehen könnte. Die norddeutsche Tiefebene wurde wieder mal von einer Staffel Tiefdruckgebieten heimgesucht, nur gelegentlich von einigen Wolkenlücken unterbrochen. Tags über hatte noch öfters die Sonne geschienen, dann war der Himmel aber immer mehr zugezogen, doch gegen 22 Uhr begann es Westen her plötzlich wieder aufzuklaren.

Etwa anderthalb Stunden vorher hatte mich Uwe Freitag von den Lübecker Sternfreunden angerufen und Polarlichtalarm gegeben, die Skala stünde auf 9! Höchste Polarlichtwahrscheinlichkeit für unsere Breiten. Einige Voraussagen meinten gar, dass man möglicherweise bis Italien was sehen könne. Um kurz nach 22 Uhr rief mich André Wulff an und wir verabredeten uns spontan zu einer Session. Also: Schnell die Kameras in den Rucksack, Stativ aus dem Schrank und Filme aus dem Kühlschrank, kurz passende Klamotten über und los gings.

André holte mich ab, unser erstes Ziel war ein Parkplatz an der A 1 bei Stapelfeld. Trotz der Nähe zur Bundesautobahn war es vergleichsweise dunkel, nur der Straßenlärm nervte etwas. Doch viel schlimmer war das, was sich am Himmel abspielte. Von Norden her schoben sich bedächtig, aber unaufhaltsam, dichte Wolken heran, die nur hier und da Lücken aufwiesen. In einer davon konnte man Kapella im Fuhrmann sehen und als Markierungspunkt für die Wolkenbewegung nutzen. Hinter uns schien der volle Mond mal stärker und mal schwächer, wenn Wolken ihn ganz oder teilweise einhüllten. Als aus Richtung Norden immer mehr Wolken herankamen (im Westen dagegen war es klar!), kam André auf die Idee, mal in Richtung Lübeck zu fahren, um zu sehen, wie weit die Wolkendecke reichen würde.

Schon bald fuhren wir auf der Autobahn in Richtung Nordosten und folgten einer immer größer werdenden Wolkenlücke. Bei Bad Oldesloe bogen wir auf die A 21 in Richtung Kiel ab. Fast kam ich mir wie die Twisterjäger aus dem gleichnamigen Actionfilm vor: Die Polarlichtjäger unterwegs.

Dass es nun endlich mit dem Polarlicht losging, bemerkten wir nach einigen Minuten Fahrt, als ich seitwärts aus dem Fenster blickte und ein leicht grünliches Wallen beobachtete. Die Nervosität stieg. Bei der nächsten Abfahrt fuhren wir von der A 21 ab und landeten binnen weniger Augenblicke auf einem einsamen Acker.

Mist, der Himmel war immer noch größtenteils bedeckt, das grünliche Wallen sahen wir durch leichte Wolkenschleier hindurch und über unseren Köpfen war eine schöne Polarlichtkrone zu sehen, farblos, aber hell und auffällig. Aber wir mussten noch weiter fahren, um mehr vom klaren Himmel zu erwischen. Bei der Abfahrt Schwissel sah alles schon wesentlich günstiger aus, wieder standen wir kurz darauf auf einem Menschen leeren Feldweg. Der grüne Vorhang war immer noch zu sehen und im Radio erzählte der Wetterbericht, es war inzwischen kurz nach Mitternacht, es könne in der kommenden Nacht örtlich einzelne Regenschauer geben. Der Blick zum Himmel verhieß jedoch etwas ganz anderes.

Wir hatten eine ziemlich große Wolkenlücke erwischt, stiegen aus dem Auto und stellten unsere Kameras auf, nachdem wir sie mit Kodak Ektachrome 200- und –400-Filmen gefüttert hatten, richteten die Stative aus und begannen mit ersten Belichtungen mit 28 mm Weitwinkelobjektiven und voller Blendenöffnung bei Belichtungszeiten zwischen 10 und 25 Sekunden.

Im Westen kamen erst leicht grünliche Streifen zum Vorschein, die sich schnell rot verfärbten und bald nur noch als eine einzige rote, leicht pulsierende Fläche erschienen. Auch im Osten tat sich wieder was, aber längst nicht so farbenfroh, meist einzelne Strahlen und Vorhänge, die ihre Farbe zwischen grau, weiß und leichtem grün wechselten. Die Kameras wurden umgestellt und auch diese Erscheinung abgelichtet. Hinter uns versteckte sich der Vollmond anfangs noch hinter den Wolken, nachher beleuchtete er die Umgebung mit seinem Licht. Bis etwa 0.45 Uhr MESZ dauerte das lautlose Schauspiel an, dann war es plötzlich vorbei. Lediglich am Horizont bemerkte André ein leichtes, grünes Leuchten. Von den Lichtknoten, die einige Beobachter in nördlicher Richtung sahen, bemerkten wir allerdings nichts.

Zwischendurch beobachtete André zwei Sternschnuppen, darunter möglicherweise schon einen ersten Perseiden.

In der nächsten Dreiviertelstunde tat sich dann nichts mehr und wir gingen davon aus, dass es dann wohl auch mit dem Polarlicht gewesen sei, packten die Ausrüstung zusammen und fuhren wieder zurück in Richtung Hamburg. Während der Fahrt schaute ich immer wieder aus dem Seitenfenster....bis... ja bis ich wieder ein grünliches Leuchten vernahm. Noch ein paar Kilometer Fahrt und wir standen wieder auf unseren ersten Parkplatz bei Stapelfeld.

Allerdings war das Polarlicht jetzt, um ca. 2 Uhr, nicht so beeindruckend, es bestand aus einem kleinen, aber langgestreckten Vorhang, dessen Farbe maximal bis ins grünliche reichte. Trotzdem machten wir noch ein paar Aufnahmen. Etwa 15 Minuten später beschlossen wir, endgültig nach Hause zu fahren. André setzte mich zu Hause ab.

Als ich in der Wohnung ankam, rief das Bett so laut nach mir, dass ich nicht mehr widerstehen konnte, es war mittlerweile 2:30 Uhr. André hatte, wie ich nächsten Tag erfuhr, etwas mehr Glück, denn er konnte von seiner Wohnung aus jetzt ein violettes Feld mit einigen weißen Streifen und dann ein grünliches Leuchten beobachten – mitten in der lichtverseuchten Millionenstadt Hamburg!

Es war eine gelungene Polarlichtjagd, wenn vielleicht auch etwas früh abgebrochen, aber immerhin. Nur erschien mir dieses weniger spektakulär, als man es durch die Vorhersagen hätte erwarten können und es war wohl auch schwächer als das vom 6./7. April 2000.

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