Die Heeresversuchsanstalt Peenemünde-Ost


Als die Entwicklungsarbeiten am "Aggregat 3" abgeschlossen waren, war allen Beteiligten klar, daß eine Steigerung der Forschungs- und Erprobungstätigkeit in Kummersdorf nicht mehr möglich war, da dazu der Platz nicht mehr ausreichte. Im März 1936 erschienen hier sowohl der Oberbefehlshaber des Heeres, General Werner Freiherr von Fritsch, als auch General Walther von Brauchitsch, General Fritz Fromm und General Friedrich Olbricht zu einer Inspektion, bei der Major Walter Dornberger und Wernher von Braun, der 1934 an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin promoviert und den Titel Dr. phil. erworben hatte, die neuesten Entwicklungen vorführten.

Die Militärs waren sehr beeindruckt von der neuen Raketenwaffe. Es wurde sofort ein Finanzrahmen in Höhe von mehreren Millionen RM bereitgestellt. Ein paar Tage später erschienen Oberstleutnant Wolfram von Richthofen, Chef der Entwicklungsabteilung des Reichsluftfahrtministeriums und Albert Kesselring, Chef der Luftzeugmeisterei in Kummersdorf, um sich ihrerseits zu informieren.

Im April 1936 trafen dann Becker, Dornberger, von Braun, von Richthofen und Kesselring zusammen, um über eine Kooperation zwischen Luftwaffe und Heer bei der Entwicklung, Konstruktion und Erprobung neuer Waffensysteme zu verhandeln.

Wernher von Braun hatte vorausschauend einen geeigneten neuen Standort gesucht und auch gefunden: Die Prorer Heide im Osten der Insel Rügen. Es stellte sich aber schon im Dezember 1935 heraus, daß hier die "Kraft durch Freude"-Organisation (KdF) ein monströses Urlaubsparadies für verdiente Parteigänger errichten wollte.

Hilfe nahte indes von seiner Mutter, die berichtete, wie von Brauns Großvater immer von einem einsamen Ort im Osten der Insel Usedom geschwärmt hatte, wo er regelmäßig zur Jagd gegangen war. Im Januar 1936 sahen sich Dornberger und von Braun vor Ort am Peenemünder Haken um und fanden, daß sie einen geeigneten Ort zur Fortführung ihrer Arbeiten gefunden hatten. Für Peenemünde sprach die Abgeschiedenheit und die Tatsache, daß man Raketen künftig über die Ostsee oder entlang der Pommerschen Küste verschießen konnte. Zudem konnte die vorgelagerte Insel, die Greifswalder Oie, ebenfalls für Versuche genutzt werden. Dornberger und von Braun arbeiteten erste Pläne aus, die sie im April 1936 der militärischen Führung vorlegten.

Diese sagte erwartungsgemäß zu und schon einen Tag später wurde das Gelände der Gemeinde Wolgast für 1,2 Millionen RM abgekauft. Nach der zwangsweisen Umsiedlung der wenigen Einwohner - die dafür aber eine hohe Entschädigung erhielten - begannen im Sommer 1936 die umfangreichen Bauarbeiten und das Anlegen einer weitverzweigten Infrastruktur. Ganze Wohnsiedlungen für die anzuwerbenden Wissenschaftler und Techniker wurden regelrecht aus dem Boden gestampft, Werkstätten und Verwaltungsgebäude entstanden aus dem Nichts heraus.

Die detailierten Planungen sahen eine Aufteilung Peenemündes in ein Werk West als Erprobungsstelle für die Reichsluftwaffe und ein Werk Ost für die Raketenforschung vor. Die teilweise von 10.000 Menschen der Organisation Todt und des Reichsarbeitsdienstes durchgeführten Bauarbeiten zeigten alsbald ihre Wirkung. Im Werk Ost wurde schon 1937 mit dem Bau der Versuchsanlagen begonnen, im April desselben Jahres bezog der militärische Stab seine Dienstgebäude, im Juli kamen die ersten, geheim angeworbenen Wissenschaftler und Techniker und im April 1938 konnte das Werk West mit dem Start des ersten Flugzeugs seine Tätigkeit aufnehmen. Gegen Ende des folgenden Jahres war dann der erste Bauabschnitt, die Errichtung der Erprobungsstellen und der wesentlichen Dienstgebäude, abgeschlossen. Die bisher über das ganze Reich verstreuten Entwicklungs- und Forschungsstellen und natürlich die ehemaligen Kummersdorfer, die dort bis kurz vor dem Umzug noch arbeiteten, konnten endlich in Peenemünde einziehen und hier ihre Arbeit aufnehmen.

Der 2. Bauabschnitt, Erweiterung der bereits errichteten Anlagen und Vorbereitungen zur Serienproduktion, begann 1940, wobei insbesondere die vom späteren Bundespräsidenten Heinrich Lübke geleitete Baugruppe des Berliner Ingenieurbüros Schlempp involviert war. Diese war vom Generalinspekteur für den Ausbau der Reichshauptstadt Berlin zum monströsen "Germania", dem späteren Reichsrüstungsminister Albert Speer angefordert worden, dem ab 1. Mai 1940 die Bauarbeiten in Peenemünde oblagen.

Hier, in der Einsamkeit der nordwestlichen Ecke der Ostseeinsel Usedom, war trotz der gigantischen Ausmaße ein richtiges Kleinod entstanden. Die Wohnunterkünfte der Wissenschaftler und Techniker sowie des Verwaltungspersonals entsprachen dem neuesten Stand, die Versorgung mit Lebensmitteln und Dingen des täglichen Gebrauchs war oft besser, als im übrigen Reich, zumindest in den ersten Jahren. Es gab Kasinos, Kinos und ein sog. Kameradschaftsheim. Es entstand eine Art Großstadtflair, zudem auch das nachgebaute "Berliner Tor" in der Siedlung Karlshagen und die zur Werksbahn umgebauten Berliner S-Bahn-Züge beitrugen.

Diese Atmosphäre trug sicherlich sehr zum vielbeschworenen "Geist von Peenemünde" bei. Sie ermöglichte den Wissenschaftler ein ungestörtes Arbeiten, d. h. Konstruieren und Erproben, weitab vom übrigen Weltgeschehen. Ganz gleich, ob woanders in Europa oder innerhalb des Reiches Menschen durch die hier erarbeiteten Waffensysteme starben, ob um sie herum die Welt in Schutt und Asche versank, hier konnte man in aller Ruhe seinem Forschertrieb nachgehen, zumindest bis zum August 1943.

In der Nacht vom 17. auf den 18. August 1943 griffen 596 englische Bomber Peenemünde an, trafen aber statt der Entwicklungs- und Erprobungsstellen, die nur verhältnismäßig geringe Schäden davontrugen, die Wohnsiedlungen und vor allem das KZ in Trassenmoor. Zwar wurden die Fertigungshalle F 1 (das Versuchsserienwerk) und die Anlagen der Werkbahn, einige der Prüfstände sowie weite Teile der Konstruktions- und Verwaltungsgebäude getroffen, doch ließen sich diese Schäden relativ schnell beheben, wenn dadurch auch vor allem die Raketenproduktion nachhaltig beeinträchtigt wurde.

Das nährt bis heute Gerüchte, wonach die Engländer bewußt nicht die Produktionsstätten zerstören wollten, um dem Werk nachhaltiger durch "Zerstörung des Menschenmaterials" zu schaden. Offiziellen Bekundungen zufolge, wurden die Wegmarkierungen für die anfliegenden Bomberstaffeln falsch gesetzt und das, obwohl die alliierte Luftaufklärung über genauestes Bildmaterial verfügte!

Den endgültigen Todesstoß versetzte man der Heeresversuchsanstalt Peenemünde mit Luftangriffen am 1. und 24. Oktober sowie am 2. November 1943, die eine Verlagerung vor allem der Erprobungstätigkeit hin zu den SS-Truppenübungsplätzen bei Blizna und Tuchel in Polen nach sich zogen. In den folgenden Monaten entstand das Mittelwerk im Harz, wohin vor allem die Serienproduktion verlegt wurde. Trotz aller Widernisse und Probleme wurde die Erprobungstätigkeit in Peenemünde, sowohl im Werk West als auch im Werk Ost, nicht völlig eingestellt. Und obwohl die Kriegslage Deutschlands immer prekärer wurde und ein Ende längst abzusehen war, gingen die Arbeiten weiter. Noch im Januar 1945, als die Amerikaner und Franzosen kurz davor standen, den Rhein zu überschreiten und die Rote Armee Ostpreußen längst erobert hatte, ganz so, als ob in der übrigen Welt tiefster Friede herrschen würde, startete man in Peenemünde Raketen und konstruierte neue Waffensysteme, die im 3. Reich niemals mehr realisiert werden konnten, da die hierfür notwendige Industrie bereits in weiten Teilen flächendeckend zerstört war.

Im Februar 1945 wurde Peenemünde mit dem Heranrücken der Roten Armee dann endgültig geräumt. Nur wenige Wissenschaftler waren geblieben, sie wurden später in die UdSSR deportiert, während sich der Großteil über Umwegen nach Süddeutschland abgesetzt hatte und dort mit dem Amerikanern zusammentraf. Manchen Quellen zufolge hatte es diesbezüglich bereits 1943 bzw. 1944 ein Treffen in der Schweiz gegeben. Man wollte im Falle einer Niederlage Deutschlands sich den amerikanischen Truppen ergeben und quasi als "Mitgift" die Forschungsunterlagen, soweit sie erhalten waren, mitbringen. Bestätigt wurde das bis heute nicht, aber erstaunlicherweise waren die Amerikaner schon lange vor dem Zusammenbruch im Reichsgebiet unterwegs, um übertrittswillige Raketentechniker zu suchen!

Anfänge der deutschen Raketenforschung
Wernher von Braun und seine Rolle in Peenemünde
Die Heeresversuchsanstalt Peenemünde
Raketenforschung in Peenemünde
Literatur über Peenemünde
Peenemünde - Einleitung

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