Friedrich Wilhelm Herschel (1738-1822)

Viele Wissenschaftshistoriker sehen in F. W. Herschel die herausragendste Persönlichkeit der Astronomie im 18. Jahrhundert. Er hat durch unzählige Arbeiten auf verschiedenen Gebieten, seine zahllosen Entdeckungen und nicht zuletzt die ständige Verbesserung der ihm zur Verfügung stehenden Beobachtungsinstrumente die astronomische Forschung beeinflußt.

Herschel wurde am 25. November 1738 in Hannover, dem politischen und kulturellen Mittelpunkt des aus der Vereinigung der Herzogtümer Braunschweig-Lüneburg und Teilen von Calenberg hervorgehenden Königreichs Hannover geboren, das später durch Übernahme der Hrzgt. Celle, Bremen und Verden eine beträchtliche Erweiterung erfuhr. Sein Vater war angesehener Oboist in der Hannoverischen Garde, dennoch lebte die Familie Herschel in Verhältnissen, die man im Grunde nur als ärmlich bezeichnen kann.

Das musikalische Talent des Vaters hatte sich offenbar auf den Sohn übertragen, dessen weiterer Lebensweg schon zu dieser Zeit vorgezeichnet zu sein schien. Ab 1752 spielte Friedrich Wilhelm in der gleichen Militärkapelle dasselbe Instrument: die Oboe. Während eines Aufenthalts in England, knüpfte er Freundschaften, die ihm sehr zu Gute kamen, als er im Verlauf des Siebenjährigen Krieges (1756-1763) vor der drohenden Besetzung durch das französische Heer nach England floh.

In den ersten Jahren danach schlug sich Herschel mehr oder minder mühselig als Musiker und Musiklehrer durch; erst als er 1766 in Bath, einem exklusiven Badeort unweit von Bristol, eine Stellung als Organist der Octagen-Kirche annahm, fand er ausreichend Zeit und Muße, sich für verschiedene Wissenschaften (die sich interessanterweise alle aus seiner Beschäftigung mit der Musiktheorie herleiteten) wie Mathematik, Astronomie oder Philosopie zu begeistern.

F. W. Herschel, der sich in England William nannte, bezog ein relativ gutes Einkommen, das ihm einerseits gestattete, einen ansehnlichen Lebenswandel zu führen und andererseits die Möglichkeit bot, seinen Bruder Alexander und die jüngere Schwester Lucretia Karoline (1750-1848) drei bzw. sechs Jahre später nachkommen zu lassen. Während Alexander sich zunehmend der Musikerlaufbahn widmete (seinen Bruder jedoch beim Schleifen von Teleskopspiegeln tatkräftig unterstützte), verband William und Karoline die gemeinsame Liebe zur Astronomie, was dazu führte, daß sie sich ganz dem wissenschaftlichen Leben ihres Bruders hingab. Immerhin waren die beiden überaus erfolgreich!

1773 begann William mit dem Eigenbau eines Gregory- Spiegelteleskops, nachdem er mit einem selbstgefertigten Refraktor wegen ungenügender Verarbeitung der Linsen schlechte Erfahrungen gemacht hatte. 1775 führte er eine erste Himmelsdurchmusterung bis zur 4. Größe durch, 1776 folgte die Herstellung eines weiteren Spiegelteleskops mit nunmehr 12" Öffnung und 1778 verließ ein Reflektor mit sieben Fuß Höhe die hauseigene Werkstatt (zeitweise glich diese Arbeit einer vorindustrieellen Massenproduktion, denn er konnte die an ihn gerichteten Aufträge mitunter nur in großer Zeitnot ausführen). Im darauf folgenden Jahr unternahm Herschel eine zweite Himmelsdurchmusterung (diesmal bis zur 8. Größenklasse), deren Ergebnisse teilweise im 1782 der Royal Society (deren Mitglied er kurz zuvor geworden war) zugeleiteten, 269 einzelnen Objekte umfassenden Katalog optischer Doppelsterne verwendet wurden. 1781 hatte Herschel im Sternbild Zwillinge den siebten Planeten des Sonnensystems, den Uranus, gefunden (1787 entdeckte er dessen Monde Titania und Oberon).

Der englische König Georg III. ernannte den erfolgreichen Musiker und eifrigen Himmelsforscher 1782 zum Royal Astronomer, der sich nun gemeinsam mit seiner Schwester Karoline, die ihm als kluge Assistentin zur Seite stand und selbst allein acht Kometen entdeckte, ganz der Astronomie widmen konnte.

William Herschel betätigte sich im folgenden zunehmend als Fernrohrbauer und unternahm mit immer wieder verbesserten Instrumenten weitere Himmelsdurchmusterungen. Entdeckung folgte auf Entdeckung, eine sorgfältige chronologische Auflistung würde hier jeden Rahmen sprengen, daher einige markante Punkte: 1782 fand er die Bewegung des Sonnensystems auf den im Herkules liegenden Apex heraus, 1783 stellte er fest, daß es sich bei sigma 2 Ursae Majoris um ein Doppelsternsystem handelt, 1784 konnte er erstmals erklären, woraus die Polarkappen des Mars bestehen und einen zweiten Doppelsternkatalog als Resultat seiner 3. Durchmusterung veröffentlichen, 1786 erschien ein Band mit Angaben über die Positionen von über 1000 neuen, von ihm entdeckten Sternhaufen und Nebelstrukturen.

Wegen der großen Nähe zur Residenz des englischen Herrscherhauses auf Schloß Windsor, zog Herschel mit seiner Schwester noch im gleichen Jahr nach Slough, wo er den Bau des größten bis dahin existierenden Teleskops, eines 40 Fuß-Reflektors (122 cm Öffnung, 1190 cm Brennweite) in Angriff nahm. Er wurde 1789 vollendet, aufgrund des ungünstigen Standorts war ihm aber kein großes Glück beschieden. Das Fernrohr war nur unter großer Anstrengung und mit viel Mühe auf ein Objekt auszurichten und schwerfällig in der Handhabung, so daß schon ab etwa 1815 niemand mehr damit beobachtete.

1789 gab Herschel abermals einen Sternkatalog mit 1000 neuen, mit Hilfe dieses monströsen Teleskops aufgefundenen Objekten heraus, außerdem entdeckte er zwei Saturnmonde (Enceladus und Mimas). 1789 und 1802 wurden nochmals Kataloge erstellt, von 1796 bis 1799 untersuchte er die scheinbaren Helligkeiten und die Lichtamplituden von Veränderlichen Sternen, deren Ergebnisse ebenfalls in Katalogform zusammengefaßt wurden (insgesamt vier Bände). Daneben entwickelte Herschel ein achtstufiges Klassifikationsschema, dessen Abfolge altersabhängig war (gewissermaßen eine Art Vorläufer moderner Systeme), versuchte sich in der Stellarstatistik (Sterneichungen, star gages), um Aussagen über Form und Struktur der Milchstraße machen zu können (Construction of the Heavens) und entdeckte die Wärmestrahlung der Sonne (1800-01).

Friedrich Wilhelm alias William Herschel wurde 1816 geadelt, und 1821 wählte ihn in Anerkennung seiner außergewöhnlichen Verdienste für die Entwicklung der astronomischen Forschung die Royal Society zu ihrem Präsidenten. Am 25. August 1822 starb er, wenige Monate vor Vollendung des 84. Lebensjahres in Slough, seine Schwester Karoline überlebte ihn lange, sie kehrte nach dem Tod ihres geliebten Bruders nach Hannover zurück, wo sie am 9. Januar 1848 für immer die Augen schloß.

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