30.05.1984: partiell

Mit Finsternissen ist es im Allgemeinen so eine Sache. Insbesondere das Wetter scheint an solch` denkwürdigen Tagen irgendwelchen mystischen Regeln zu folgen, die sich jedoch, so erstaunlich es klingen mag, auch einmal zum Vorteil für uns Sternfreunde auswirken können. In den letzten Tagen vor diesem Ereignis sah es vom Wetter her gar nicht so aus, als ob es uns vergönnt sein sollte, in den Abendstunden des 30. Mai 1984 eine partielle Sonnenfinsternis – die letzten für die nächsten 10 (!) Jahre – zu beobachten.

Zusammen mit einem Freund hatte ich geplant, von der Finsternis Serienaufnahmen im Abstand von fünf Minuten zu machen. Dafür hatte ich mir gerade eine frische Meterrolle Agfa Ortho 25 besorgt, von der ist drei Filme in handelsübliche Filmdosen abgefüllt hatte. Der Agfa Ortho war als ein sehr feinkörniger Film bekannt, und Aufnahmen würden sehr hoch nachvergrößerbar sein. Auf Grund seiner geringen Empfindlichkeit eignete er sich hervorragend zur Fotografie der Sonne und somit auch für Aufnahmen von partiellen Sonnenfinsternissen. Neben den Aufnahmen wollten wir mit einem Feldstecher das Geschehen visuell verfolgen.

Während der Himmel in den Morgenstunden des 30. Mai noch weitgehend trübe war, vereinzelt sogar leichter Nieselregen aufkam, der alle Erwartungen an diesen Tag empfindlich in den Keller gingen ließ, lockerte es gegen Mittag zum ersten Mal etwas auf. Man war hin und her gerissen von der herben Enttäuschung, wieder einmal von einer Finsternis nichts mitzubekommen, und der vagen Hoffnung, zwischen einigen, vielleicht größeren Wolkenlücken, doch noch einen Blick auf die Sonne werfen zu können. Als die Wolkenlücken dann drei Stunden vor der Finsternis wieder kleiner wurden, beschlossen wir dennoch, zum Planetarium im Hamburger Stadtpark zu fahren, wo die Aussichtsplattform für Beobachtungen zur Verfügung stehen würde.

Das Auto wurde mit unserer bescheidenen Ausrüstung beladen und schon ging es los in Richtung Stadtpark. Wie zur Einstimmung auf das bevorstehende Ereignis, ich hatte das Radio gerade eingeschaltet, gab es auf NDR 2 ein Interview mit Dr. Erich Übelacker, Leiter des Hamburger Planetariums, zur heutigen Sonnenfinsternis.

Die Ausrüstung, die uns zur Verfügung stand, war folgende: Drei Kameras, zwei Normalobjektive, ein 1:3,5/135 mm Tele, ein 2x-Telekonverter, diverse Filter und jede Menge Rettungsfolie. Zur Sicherheit hatte ich noch einen Wechselsack mitgenommen, da Finsternisse geradezu prädestiniert sind für Pannen aller Art (z. B. Filmrisse u.ä.). Zum Glück brauchten wir ihn aber nicht einzusetzen. Hinzu kamen drei Agfa Ortho-Filme und Kodak Farbfilme.

Schwer beladen fuhren wir, am Planetarium angekommen, schließlich mit dem Fahrstuhl zur Aussichtsplattform hinauf, um uns sogleich die besten Plätze auszusuchen. Wir waren die ersten, und das sollte für die kommende halbe Stunde auch so bleiben. Dann folgten einige Besucher und zwei Sternfreunde, der hier ein C 8 aufstellen wollten und nun verzweifelt nach einer Steckdose für die motorische Nachführung suchten. Als sie sie schließlich fanden, stand das Teleskop direkt im steifen Ostwind!

Wir wechselten unseren Standort, da der Wind nun auch uns zu schaffen machte und bereiteten gegen 19 Uhr MESZ unsere Kameras endgültig auf die Finsternis vor. Von meinem Freund hatte ich mir ein 200 mm Tele und den 2x Konverter geliehen (Effektivbrennweite 400 mm). Vor das Objektiv kam ein aufsteckbarer Rotfilter, der das Sonnenlicht allerdings noch nicht ausreichend genug dämpfte, sodass davor noch mal eine Lage Rettungsfolie geklebt wurde. Zusammen ergab das dann einen angenehmen orangenen Farbton, der auch vernünftige Belichtungszeiten zuließ.

Gespannt warteten wir nun auf den ersten Kontakt, der pünktlich um 19:18 Uhr MESZ zuerst auf dem Projektionsbild des Feldstechers zu beobachten war, den wir zwischen unsere Stative aufgestellt hatten. Die erste schmale Einkerbung war am unteren Rand der Sonnenscheibe zu sehen. Rasch wurden die ersten Aufnahmen gemacht, Verschlüsse klickten wie wild, die ersten Flüche kamen auf und leise summte irgendwo ein Kameramotor. Bald darauf konnte man die Verfinsterung der Sonne auch mit dem bloßen Auge (und Rettungsfolie!!!) beobachten.

Der verfinsterte Teil wurde zusehends größer und erstmals hofften wir, auch den größten Teil der Bedeckung, der in Hamburg immerhin noch 25% ausmachen sollte (als ringförmige Sonnenfinsternis war das Ereignis zwischen Marokko und dem östlichsten Teil der USA zu sehen), beobachten zu können. Doch mit dem immer noch kräftigen Ostwind kamen dann auch erste Wolkenfetzen herüber, die sich zaghaft in Richtung Sonne verschoben.

An diesem Tag zeigte die Sonne nur sehr wenige Flecken, doch bildeten gerade sie die Grundlage für Spekulationen, ob der Mondrand sie noch erreichen würde. Die Mutmaßungen gingen von einem „Volltreffer“ über ein „na ja, vielleicht so am Rand“ bis zu einem klaren „nein“, bei dem es dann auch bleiben sollte.

Interessant war auch die Beobachtung vom nahen Flughafen Fuhlsbüttel startender Flugzeuge. Ein besonders schönes Fotomotiv ergab sich, als eine der Maschinen direkt vor der teilverfinsterten Sonne vorüberflog. Lauter Jubel über diesen ausgesprochenen „Glückstreffer“ war die Folge.

Bis jetzt hatte alles ganz gut funktioniert, die Sonne war immer noch zu sehen und der eine oder andere Sternfreund hatte schon viele gute Aufnahmen im Kasten. Mit Mitte der Finsternis rückte immer näher, aber mit fortschreitender Zeit kamen auch die Wolken wieder und schoben sich schließlich mit einem eleganten Schlenker direkt vor die Sonne. Hatten wir anhand der bisherigen Wolkenbewegung ungefähr den Ort vorausberechnet, an dem die Sonne wieder aus den Wolken hervorkommen würde, so wurden wir nun schwer enttäuscht. Die Wolkenbewegung war nicht mehr zu durchschauen. Ringsherum war von Horizont zu Horizont wolkenloser blauer Himmel, nur im Westen hatten sich alle Wolken versammelt, natürlich genau dort, wo die Sonne stand. Einige Spaßvögel erklärten, die Wolken würden dem Sonnengott zu Ehren einen Langsamen Walzer tanzen.

Und so kam es, wie es kommen musste: Die Mitte der Finsternis konnte ebenso wenig beobachtet werden, wie der letzte Kontakt um 20:05 Uhr MESZ, denn die Wolken gingen mit der Sonne unter, was folgte war eine klare Astronacht...



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