07.09.2006: partiell

Für Donnerstag, den 7. September 2006, stand eine partielle Mondfinsternis auf dem astronomischen Stundenplan. Allerdings würde sie nicht sehr eindruckvoll werden, da der Mond auf der geographischen Breite von Hamburg lediglich um etwa 19° in den Erdschatten eintauchen sollte. Andererseits ist auch so eine leichte Verfinsterung ein Naturereignis, dass man als Sternfreund verfolgen sollte.

Nach meinen schlechten Erfahrungen zur Sonnenfinsternis am 29. März, die anscheinend alle anderen außer uns, die wir auf unserer alten MBS ausgeharrt hatten, unter sehr guten Bedingungen beobachten konnten, befürchtete ich ähnliches Ungemach auch für den 7. September. Und in der Tat waren die Wetteraussichten mal wieder alles andere als erfreulich. Vom Wetterbericht angekündigtes gutes Wetter kam nicht, erhoffte sommerliche Temperaturen, gleichfalls vorhergesagt, blieben ebenfalls hinter hohen Erwartungen zurück. Und am Tage der Finsternis sollte es regnen und gewittern. Hinter einer kompakten Wolkenbank, die quer über Norddeutschland lag und später nach Süden abdriftete, sollte allerdings ein Kälteeinbruch erfolgen, und der versprach zumindest zeitweise einen klaren Himmel. 

Das Wolkenband allerdings ließ zunächst alle Hoffnungen schwinden. Von meinem Bürofenster, aus dem ich in Richtung Süden sehen kann, sah man zunächst Nebel und Wolkenschleim. Gegen Mittag setzte dann heftiger Regen mit Hagel ein, der so laut an die Fenster hämmerte, dass man während einer Dienstbesprechung teilweise kaum ein Wort verstand. Meine Hoffnungen, die Mondfinsternis zu sehen, schwanden auf ein Minimum. Es war jetzt die Zeit schneller Wetteränderungen und man konnte beobachten, wie schnell das Schlechtwettergebiet über uns hinweg zog. In der Tat lockerte die Bewölkung am Nachmittag auf. Ich verabredete mich mit André Wulff für 19 Uhr. 

Nachdem wir lange hin und her überlegt hatten, wohin wir fahren würden, entschieden wir uns für einen Ort irgendwo östlich von Hamburg. Dabei gab es ein Kuriosum: Ursprünglich hatte ich überlegt, in der Nähe von Meilsdorf zu beobachten, wo ich schon die Sonnenfinsternis vom 31. Mai 2003 beobachtet hatte. Hartwig Lüthen schlug daraufhin vor, in Schmalenbeck zu beobachten. Das aber scheiterte an einem Bauern, der sein Feld in Blickrichtung Südost „beackerte“. Also schlug er als Ausweichort seinen Balkon in Altona oder die nahe gelegene Hafengegend vor. Allerdings hatte ich wenig Ambitionen, mit Sack und Pack per U-Bahn und Bus in den Hafen zu fahren. Am Ende landete ich dann mit André doch in der ursprünglich angedachten Gegend bei Meilsdorf. Davor hatten die Götter jedoch die Suche nach einem geeigneten Beobachtungsort gesetzt, und die gestaltete sich zunächst äußerst schwierig. 

André holte mich pünktlich um 19 Uhr ab. Ich hatte meinen Fotorucksack und eine volle Transportkiste dabei. Gut gepackt fuhren wir dann los. Unsere erste Anlaufstation bei Ahrensburg und auch die bei einem Modellflugplatz nördlich der Müllverbrennungsanlage Stapelfeld erwiesen sich als Fehlschläge, da durch Bäume und Sträucher die Horizontsicht vollkommen verdeckt war. Aus der Erinnerung wusste ich, dass Meilsdorf jedoch ein klein wenig höher lag als das umliegende Gelände. Also fuhren wir über die Landstraße zunächst in Richtung Trittau und bogen dann ab und versuchten erst in Siek und dann in Meilsdorf selbst einen geeigneten Beobachtungsort zu finden. Leider misslang uns das. Schließlich jedoch landeten wir auf einer Landestraße zwischen Meilsdorf und Schmalenbeck und fanden dort kurz vor der Brücke eine Lücke in der Botanik, die einen schönen Blick in Richtung Südost zuließ. Die Geräte, zwei Videokameras, eine digitale Spiegelreflex und ein Multi 80 S mit angehängter analoger Kamera waren schnell aufgebaut und warteten auf das kommende Ereignis, das unmittelbar bevorstand, denn es war schon kurz vor 20 Uhr und der Mond eigentlich schon aufgegangen. Die Position war leicht vorherzusagen, denn der Ort des Mondaufganges lag fast genau dem Untergangspunkt der Sonne gegenüber (schließlich war die Tag- und Nachtgleiche nicht mehr fern), nur ein wenig nach Süden verschoben. 

Noch aber verhinderten Wolken die Sicht auf den Mond. Plötzlich aber sah ich in der fraglichen Richtung zwischen den Wolkenschichten etwas Helles hervorkommen, den schon teilweise verfinsterten, leicht orangefarbenen Mond. Sofort wurden alle Instrumente auf den Erdtrabanten gerichtet. Man sah, dass der Mond links oben leicht angefressen war, er befand sich also quasi unterhalb des kegelförmigen Erdschattens, woran man seine gegenwärtig sehr geringe Deklination zum Kulminationszeitpunkt sehr gut ablesen konnte. 

Langsam und mühevoll schälte sich der aufgrund der Refraktion reichlich deformiert erscheinende Mond aus den Wolkenschichten heraus, die immer mehr von ihm freigaben. Meine Videokamera ließ ich permanent laufen. Zwischenzeitlich knickte mal das eine Stativbein weg, aber derart beschädigte Aufnahmen kann man durch Schnitte am Festplattenrekorder wieder bereinigen. Mit der Fotokamera belichtete ich insgesamt fünf Kodak Farbwelt 200 Filme, von denen ich mir später eine CD brennen lassen wollte. Allerdings lief das gane Schauspiel nicht störungsfrei ab, denn immer wieder zogen leichte Wolkenfetzen durch, die dem Ganzen ein leicht dämonisches Antlitz verliehen. Zudem nervten vorbeifahrende Autos und Landwirtschaftsfahrzeuge, die an dieser Stelle gerne ihr Fernlicht einschalteten ... 

Sehr schön konnte man das „Umschwenken“ des Erdschattens auf dem Mond im Uhrzeigersinn von 11 auf 1 Uhr verfolgen, was den Ablauf dieser Finsternis schön dokumentierte. 

Irgendwann entdeckte André ein dem Mond genau gegenüberliegenden „Mond–Regenbogen“, der analog zum „richtigen“ Regenbogen bei hoher Feuchtigkeit und Tröpfchenbildung in der Luft entsteht. Er versuchte sogleich, ihn mit seiner Digitalkamera einzufangen. Er hob sich nur sehr schwach von einer heranrückenden Wolkenfront ab, die schon den ganzen nordwestlichen Teil des Himmels abgedeckt hatte. Ein Versuch mit meiner Videokamera scheiterte. Visuell meinte ich, ihn leicht rötlich gesehen zu haben, bin mir da aber nicht ganz sicher. Und als ob der „Mondregenbogen“ eine Art böses Omen ankündigte, dauerte es nicht mehr lange, bis die ersten Tropfen vom Himmel fielen. Zwischendurch hatte es schon mal einen kleinen Miniguss gegeben, der von einer gigantischen Gieskanne zu kommen schien. Einmal kurz drüber und fertig. 

Wir packten unsere Sachen zusammen, denn der Blick nach Nordwesten verriet, dass der Rest der Mondfinsternis nicht mehr zu beobachten sein würde. Im Auto gab es dann in Analogie zum Mitternachtspudding in Kirchheim den „Mofipudding“, bevor wir wieder zurück fuhren. Und kaum waren wir auf der A 1 kam ein heftiger Regenschauer herunter, der André zu der Bemerkung veranlasste: „Ob wir wohl eben Glück hatten?“ 

Wir hatten dieses Mal Glück gehabt. Nachdem André die Sonnenfinsternis in der Türkei sehr gut beobachten konnte und ich hier in Hamburg im Regen gestanden hatte und auch andere Ereignisse nach der Schließung der alten MBS in unerreichbar weite Ferne gerückt waren, konnten wir diese Mondfinsternis mehr oder weniger erfolgreich beobachten.


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