3.4.2007: total

Der März 2007 sollte es eigentlich in sich haben: Zwei hochkarätige astronomische Ereignisse in Abstand von drei Tagen. Am 2. März die erste von zwei Saturnbedeckungen in diesem Jahr und in der Nacht vom 3. auf den 4. eine totale Mondfinsternis, die ein gute Chance hatte, die erste Digitale zu werden. Selten hatte man in der Vergangenheit so dicht aufeinander treffende astronomische Höhepunkte zu verzeichnen. Doch würde auch das Wetter mitspielen? 

Die Saturnbedeckung und die Mondfinsternis waren Grund genug, zwei Tage alten Urlaubes abzubauen und sich richtig vorzubereiten. Selbstverständlich wurde der Blick in die bekannten Seiten des Internets mit den Wettervorhersagen, und auch Hartwigs entsprechende Hinweise über die GvA–Mailingliste waren wie immer sehr hilfreich. Die Wettersituation war und blieb konfus und schwer einschätzbar. Ein paar Tage vor der Saturnbedeckung besorgte mir André noch einen zweiten Powerpack, damit zur „Tatzeit“ keine Probleme mit mangelnder Stromversorgung auftraten. Fehlte nur noch ein Umsetzer von 12 auf 9 V, aber den besorgte ich mir am Donnerstagmorgen bei a.t.u. Da wir mangels Vereinssternwarte mit eigenen Geräten beobachten „mussten“, wollte ich die Bedeckung mit meinem 90/1000er-Refraktor verfolgen, der bei f = 2000 mm immerhin noch ein recht passables Bild abgeben würde. André und ich planten, irgendwo im Raum Norddeutschland unterwegs zu sein, um die Bedeckung zu beobachten. Doch schon auf dem Februar-Klönsnack wurde deutlich: Die Saturnbedeckung würde von Norddeutschland aus nicht zu beobachten sein. Aber wohin? Jeder Ort würde so gut oder so schlecht sein wie ein anderer. Das erinnerte mich stark an die Sonnenfinsternis vom 29.03.2006, als wir hier ähnlich finstere Bedingungen hatten und letzten Endes im wahrsten Sinne des Wortes im Regen standen. Die Wetteraussichten wurden zunehmend schlechter, also verzichteten wir - wieder einmal - auf die Beobachtung eines astronomischen Höhepunktes.

Die Hoffnung konzentrierte sich also auf die Mondfinsternis am 3./4.03.2007. Mehr zufällig ergab es sich, dass Wolfgang Moldenhauer die MoFi auf seinem Campingplatz bei Büchen fotografieren wollte und so planten wir schließlich beide, dort eine kleine Beobachtungssession aufzuziehen. Der Hauptgrund hierfür war: An Ort und Stelle gab es einen Stromanschluss für Wolfgangs Nachführung - und manch andere Bequemlichkeit.

Am 02.03.2007 riss nachmittags die Bewölkung auf, sodass ich wenigstens noch die Sonne mit meinem kleinem 80/400er-Refraktor beobachten konnte. An eine Fotografie der kleinen J-Gruppe war aber nicht zu denken, da kurz nach der Fleckenzählung die Sonne hinter einem Hochhaus verschwand. Als die Sonne hinter diesem wieder hervorkam, so etwa anderthalb Stunden später, waren rechtzeitig wieder Wolken zu Stelle, um auch nicht den Funken einer Hoffnung auf ein Foto aufkommen zu lassen. Dennoch ließ diese Auflockerung hoffen. Abends klarte es dann richtig auf und ich wünschte mir insgeheim, auch zur Mondfinsternis wenigstens teilweise einen klaren Himmel erleben zu dürfen.

Die Wettermodelle und Prognosen für den 03.03.2007 verbreiteten indes wenig Hoffnung: Aus Richtung Westen sollte es aufklaren und wenn alles passen würde, wäre das freie Wolkenloch rechtzeitig in Hamburg und vielleicht auch in einzelnen Ausläufern in Büchen. Es gab aber auch Stimmen, die meinten, in Hamburg wird es erst klar, wenn alles vorbei ist ...

Mittags konnte man erstaunt beobachten, wie sich die Windrichtung gedreht hatte und die Wolken nicht mehr aus Westen, sondern vermehrt aus Südosten herankamen, und dass zunächst mit einer beachtlichen Geschwindigkeit. Zudem besagten einige Wettervorhersagen, dass im Bereich der Ostsee von Norden her mit Auflockerungen zu rechnen sei und Büchen war ja nicht so sehr weit von Lübeck und Travemünde entfernt ...

Wolfgang holte mich gegen16 Uhr ab. Wir verluden meine umfangreiche Ausrüstung, bestehend aus Alukoffern, SP-Montierung, zwei Powerpacks für die Stromversorgung, dem 90/1000er-Refraktor, Laptop und weiterem Zubehör in sein Auto. Nach einem kurzen Zwischenstopp in einem Büchener Supermarkt ging es dann auf den Campingplatz unweit des Elbe-Seitenkanals.

Hier sahen wir erst einmal eine ziemlich kompakte Wolkenschicht, vor allem in Richtung Norden, von woher es laut Wetterbericht aufklaren sollte.

Wir bauten erst einmal unsere Montierungen und Fernrohre auf und schon bald erschienen erste größere Wolkenlücken. Eine davon nutzte ich für eine Venusbeobachtung bei 133x. Gnadenlos übervergrößert, aber dennoch konnte eine deutliche Phase gut gesehen werden und noch etwas zeigte sich: In den wolkenfreien Zonen war das Seeing erstaunlich gut, das kleine Venusbildchen zappelte nur relativ unwesentlich vor sich hin. Der Planet stand zu diesem Zeitpunkt (ca. 17:30 Uhr MEZ) noch recht hoch.

Wolfgang hatte zuvor seine Goto-Montierung aufgebaut und ausgerichtet und so konnten wir ungefähr sehen, wo der Mond stehen würde, wenn man ihn ohne Wolkenschleim sehen würde. Und in der Tat geschah bald darauf Seltsames: Die Wolken in der fraglichen Region wurden eigentümlich beleuchtet und eine gespenstische Szenerie tat sich auf. Je höher der Mond kam, desto mehr wurde er sichtbar und die Wolken wurden weniger. Für kurze Zeit war, vom Mond ausgehend auch eine deutlich wahrnehmbare Mond-Lichtsäule zu sehen, ein seltenes Phänomen atmosphärischer Optik. Nur kurze Zeit später schloss sich die Lücke wieder und es begann eine wahre Zitterpartie. Immer wieder tauchten aus Richtung Westen Wolkenlücken auf, die umso kleiner wurden, je näher sie der Position des Mondes am Himmel kamen. Wolfgang war am Fluchen, denn er brauchte wolkenfreie Gebiete, um mit der Webcam und einem 135-mm-Tele überhaupt einen Fokus zu finden. Und jedes Mal, kurz bevor wir glaubten, jetzt gäbe es eine wolkenfreie Ecke, war wieder alles zu. Mehrschichtbewölkung machte allen unseren Hoffnungen gnadenlos den Garaus. Doch wir hofften weiter. Lücke folgte auf Lücke, danach wurden sie kleiner und seltener. Eine gute Gelegenheit, im Wohnwagen zu Abendbrot zu essen.

Anschließend ging es wieder raus. Die Situation hatte sich nicht verändert. Zwischendurch hatte ich mit Michael Steen telefoniert, der auf der Bergedorfer Sternwarte mit Mitgliedern der dortigen Amateurgruppe beobachten und bei der öffentlichen Führung mithelfen wollte. Irgendwann teilte er mir mit, dass es richtig gut aussehe und er nun zur Sternwarte aufbrechen wollte. Nun, das ließ hoffen. Da Michael in Bergedorf wohnt, dürfte es nicht mehr lange dauern, bis die Wolkenlücken auch in Büchen ankamen, schließlich lag zwischen beiden Orten nicht mehr als knapp 40 km Luftlinie.

Und tatsächlich klarte es zunehmend auf. Unsere Hoffnungen, wenigstens während der Totalität einige Bilder aufnehmen zu können, wuchs von Minute zu Minute. Wolfgang konnte den Fokus finden und ich positionierte meinen Refraktor auf dem Zufahrtsweg vor seinem Platz, da sonst der einzige Baum weit und breit die Sicht auf den Mond versperrt hätte. Ich richtete das Teleskop aus und versorgte die Nachführung mit Strom aus der kleinen Batterie, da bei der Großen der Umsetzer von 12 V auf 9 V partout nicht funktionieren wollte. Da wir ohnehin nur noch mit einer Wolkenlückenaktion rechneten, hätte ich sowieso die Nachführung nicht die ganze Zeit laufen lassen müssen. Und der kleine Pack gab immerhin bis zu maximal zwei Stunden Strom ab, wenn die Sicherungen hielten, die auch dann und wann schon mal versagten. Aber Ersatz befand sich in meinem Technikkoffer.

In einigen wolkenfreien Bereichen des Himmels sahen wir den bereits teilverfinsterten Mond. Ich machte ein paar Aufnahmen mit meiner Canon 350 D, die aber allesamt zu kurz belichtet waren (ich hatte versehentlich eine zu niedrige ISO-Zahl gewählt). Wiederholbar waren die Ergebnisse nicht, denn plötzlich zog der Himmel binnen weniger Augenblicke vollkommen zu. Leuchtete der Mond vorher noch durch winzige Lücken in der Wolkenschicht hindurch und ließ diese manchmal in selten gesehenem Licht erstrahlen und stellenweise durchsichtig erscheinen, so war der Himmel mit einem Mal vollkommen dunkel. Nicht etwa durch die Totalität, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht erreicht war, sondern durch mindestens eine sehr dicke Wolkenschicht oder eine Art Hochnebel. Für letzteren sprach die enorme Schnelligkeit, mit der alles vonstatten ging.

Frustriert blickten wir nach oben und gingen zum Aufwärmen in den Wohnwagen. In der ARD lief eine Boxübertragung, aber die Kämpfe waren eher langweilig und uninteressant. Dabei ging es um die Europameisterschaft im Mittelschwergewicht.

Zwischendurch ging immer wieder einer von uns nach draußen, aber die Situation blieb unverändert. Michael Steen teilte telefonisch mit, dass man in Bergedorf aufgäbe und die Kuppel schlösse, weil in Hamburg der Himmel vollkommen zu war. Das ließ nichts Gutes erahnen. Er bestätigte den Eindruck, dass wolkentechnisch irgendetwas passiert sei und von einem Augenblick zum anderen alle klaren Stellen verschwanden. Irgendwann gegen 0:30 Uhr gaben wir auf und bauten ab. Hartwig rief mich über Handy an und meinte, dass er irgendwo in der Nähe von Bremen im Matsch stand und die Mondfinsternis sehen konnte, aber auch beobachtet hatte, wie in Richtung Hamburg der Himmel innerhalb weniger Minuten zugezogen war.

Später sahen wir einen leicht rötlichen Helligkeitsschwerpunkt in der nicht mehr ganz so dichten Wolkensuppe und auch ein paar Sterne. Doch keine Panik, das dauerte nicht lange. Der Gedanke, dass ich meinen noch immer aufgebauten Refraktor auf den verfinsterten Erdtrabanten ausrichten könnte, war noch nicht einmal zu Ende gedacht, da war dieser auch schon wieder verschwunden. Einmal sahen wir ihn noch ganz kurz in einer Minilücke aufleuchten. Dann war es endgültig vorbei. Wir verstauten wieder alles im Auto und auf der Rückfahrt sahen wir in immer größer werdenden Lücken innerhalb der mehrschichtigen hochnebelartigen Bewölkung den nach der Totalität immer noch teilverfinsterten Mond.

Und dann die größte Frechheit: Als wir bei mir in Hamburg-Wandsbek anhielten, lachte uns der Mond aus einer so großen Wolkenlücke entgegen, das wir nur noch fassungslos dastehen und die Köpfe schütteln konnten. Warum diese himmelschreiende Ungerechtigkeit? Warum wieder nur Pech gehabt? Warum sehen immer nur andere Leute solche Ereignisse wie die Saturnbedeckung und die Mondfinsternis und man selbst nicht?

Immerhin war alles dank Wolfgangs Hilfe schnell ausgeladen, sodass ich in meiner Küche noch mal alles aufbaute und noch einen Teil der Restphase fotografieren konnte.

Im Internet, auf den Mailinglisten und beim Astrotreff konnte man nachlesen, wie schön andere Leute die Mondfinsternis, auch in Norddeutschland(!!!) beobachten konnten. Nur man selbst stand wieder abseits vom Astroleben und hat von allem fast NICHTS mitbekommen. Viel Aufwand für viel ... NICHTS!


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